Im vergangenen Jahr litt ich über Monate an Herzklopfen, Schlaflosigkeit und hyperaktiven Phasen, denen lähmende Müdigkeit folgte. Nach einer Reihe von Blut-untersuchungen kritzelte meine Gynäkologin den Namen eines altertümlichen Heilkrauts auf ihren Rezeptblock. Zwei Dinge fand ich daran merkwürdig. Zum einen, dass Ashwagandha (Schlafbeere) tatsächlich zu helfen schien. Zum anderen die Tatsache, dass meine Ärztin, eine Schulmedizinerin aus einem kleinen Vorort im US-Bundesstaat Forida, ein Heilkraut empfahl.

Aber sie ist nicht die Einzige, die über den Tellerrand der konventionellen Medizin blickt. Eine vor Kurzem veröffentlichte Studie der US-amerikanischen Universität Harvard zeigte, dass Ärzte im vergangenen Jahr bei über sechs Millionen Patienten zu ganzheitlichen Heilmitteln geraten haben. Auch der Amerikanische Krankenhausverband berichtet, dass über ein Drittel der Kliniken ganzheitliche Medizin anbieten.

Wir wollten wissen, warum. Deshalb haben wir uns an führende Mediziner gewandt, die einige ausgewählte alternative Heilmittel bei ihren eigenen Patienten anwenden.

Fantasiereise zur schnelleren Genesung

Dr. med. Gulshan K. Sethi

Herz-Lungen-Chirurg am Gesund-heitszentrum Arizona und Professor am medizinischen College der Universität von Arizona

Warum ich damit arbeite: „Früher hielt ich Andrew Weil, den Guru der ganzheitlichen Medizin, und seine Ansätze für unwissenschaftlich. Erst nachdem seine Kräuterheilmittel sowie Hypnose meine Frau von einer Autoimmunerkrankung heilten, habe ich meine Meinung geändert.

Besonders faszinierten mich die geführten Fantasiereisen. Dabei sollen sich Patienten beispielsweise die Immunzellen vorstellen, die einen Tumor bezwingen. Seriöse Studien belegen, wie viel Kraft das Patienten geben kann, die schwere Operationen durchstehen müssen. Denkt jemand intensiv an seine Heilung, beruhigt sich der Puls, und die Heilung wird tatsächlich beschleunigt.

Kürzlich habe ich die Fantasiereise selbst ausprobiert. Nach einer Knieoperation konnte ich bereits Stunden nach dem Eingriff ein wenig gehen.“

Belege: Es gibt nur wenige seriöse Studien, aber deren Ergebnisse sind vielversprechend: Geführte Fantasie-reisen können die Schmerzmittelmenge nach Operationen senken und verkürzen den Klinikaufenthalt.

Wo es noch helfen könnte: Bei Krankheiten wie Asthma und Migräne, die sich durch Stress verschlimmern.

Akupunktur gegen Schmerzen

Dr. med. Lonnie Zeltzer

Direktorin der kinderärztlichen Schmerzabteilung am Mattel-Kinderhospital in Los Angeles und Professorin an der David-Geffen-Hochschule für Medizin an der Universität von Kalifornien

Warum ich damit arbeite: „Menschen mit chronischen Schmerzen erfahren oft, dass es umso schwerer ist, den Schmerz zu behandeln, je länger er anhält. Wir wissen nicht genau, wie Akupunktur funktioniert. Es ist aber belegt, dass sie die Konzentration von Serotonin und Endorphinen erhöht, und möglicherweise deaktiviert sie die Schmerzwahrnehmung im Gehirn. In einer Studie haben wir herausgefunden, dass sich Kinder, die unter unergründlichen Schmerzen litten, nach sechs wöchentlichen Behandlungen besser fühlten. Ich empfehle Akupunktur für die meisten meiner Schmerzpatienten, es sei denn, sie reagieren übersensibel auf Nadeln.“

Belege: Die Forschungslage ist nicht eindeutig. Angeblich ist „Schein-Akupunktur“ (dabei wird eine Person mit Nadeln behandelt, nicht jedoch an den typischen Akupunktur-Punkten) ebenso wirkungsvoll wie klassische Akupunktur. Beide Arten scheinen die Schmerzen tatsächlich zu reduzieren.

Wo es noch helfen könnte: Bei Anzeichen des Posttraumatischen Stresssyndroms. Zudem vergrößert Akupunktur möglicherweise die Chancen einer Frau, nach einer In-Vitro-Befruchtung schwanger zu werden.

Yoga bei Depressionen und Angstzuständen

Dr. med. Patricia Gerbarg

Psychoanalytikerin und Assistenz-professorin am Medizinischen College New York

Warum ich damit arbeite: „Ich interessiere mich für Komplementärmedizin, seit ich an Borreliose litt. Die Krankheit hat mein Gedächtnis beeinträchtigt, meine Gliedmaßen und meine Energie. Auch Heilkräuter halfen mir nicht. Dann hörte ich einen Vortrag über den Einsatz von Yoga bei Depressionen und recherchierte. Ich entdeckte, dass insbesondere die Atemübungen bei Menschen, die an mittleren oder schweren Depressionen litten, wirkten. Allein das gleichmäßige Ein- und Ausatmen ist wohltuend. Ich gehe davon aus, dass der veränderte Atem dem Vagusnerv signalisiert, der Körper könne sich entspannen. Er beruhigt die Kampf- oder Fluchtreaktionen und regt die Teile des Nervensystems an, die unter starkem Stress wie gelähmt sind.

Ich verschreibe nach wie vor Medikamente, doch ich kenne Menschen mit Ängsten oder Depressionen, deren Leiden sich erst mit täglichen Atemübungen besserten.“

Belege: Es gibt wenige Studien, aber eine von ihnen ist vielversprechend: Überlebende des Tsunami von 2004 im Indischen Ozean, die an Depressionen litten, berichteten, ihre Symptome nahmen um 90 Prozent ab, nachdem sie Yogaatmung erlernt hatten. Bei anderen Überlebenden gab es im Vergleich dazu keine bedeutenden Verbesserungen.

Wo es noch helfen könnte: Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Asthma, Rückenschmerzen.

Hypnose gegen Reizdarm

Dr. med. David Spiegel

Psychiater und Professor an der Stanford Medical School, Kalifornien

Warum ich damit arbeite: „Mein Vater leistete auf dem Gebiet der Hypnose Pionierarbeit. Das machte mich neugierig, und ich besuchte als Student ein Seminar darüber. Eines Tages hypnotisierte ich einen asthmatischen Teenager, der um Atem rang. Innerhalb von Minuten konnte er wieder nahezu normal atmen. Ich realisierte, welche Kraft in dieser Technik steckt. Inzwischen habe ich rund 9000 Patienten hypnotisiert. Forschungen belegen, dass Hypnose auch Durchfall und Blähungen lindert. Hypnose ist sicherer als Medikamente, obwohl sie nicht bei allen Patienten wirkt.“

Belege: Es ist unumstritten, dass Hypnose ebenso wie Yoga bestimmte Gehirnzonen aktiviert und andere deaktiviert. Es gibt hierzu nur kleine Studien, deren Ergebnisse nicht übertragbar sind.

Wo es noch helfen könnte: Phobien, Gewichtsabnahme, Hitzewallungen.

Ergänzungsmittel gegen Krebs

Dr. med. Gary Deng

Internist am Memorial Sloan-Kettering Krebszentrum in New York

Warum ich damit arbeite: „Ich bin in China aufgewachsen, dort gilt es als selbstverständlich, Kräuter und Tees als Medizin anzuwenden. Doch ich glaube daran, dass Ergänzungsmittel strengen wissenschaftlichen Kriterien genügen müssen. In den meisten Fällen gibt es keine eindeutigen Belege für deren Wirksamkeit, einige können sogar schaden. Doch die Forschung ist genügend fortgeschritten, um Ergänzungsmittel in Erwägung zu ziehen.

Eine Chemotherapie beispielsweise verursacht manchmal Nervenschäden. Bei zu starkem Schmerz und Taubheit muss sie abgebrochen werden. Alpha Liponsäure könnte hier helfen. Ein Auszug des Pilzes Coriolus versicolor kann bei Darmkrebs die Chemotherapie wirkungsvoll unterstützen. Einiges spricht dafür, dass Vitamin D und grüner Tee das Krebsrisiko mindern.“

Belege: Alpha Liponsäure und C. versicolor -Extrakte genießen in Fachkreisen mehr Unterstützung als andere Ergänzungsmittel. Es gibt viele Hinweise, aber keinen Beweis, dass Vitamin D und grüner Tee das Risiko für einige Krebsarten senken.

Wo es noch helfen könnte: Alpha Liponsäure lindert Schmerzen durch von Diabetes verursachte Nervenschäden; Vitamin D hilft, chronische Schmerzen zu lindern.

 

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