Wenn die Morgensonne
durchs Riesenrad
blinzelt und am
Kinderkarussell die
Pferde und der
Schwan poliert sind, wenn die Lose
gemischt und die Bierfässer gerollt
werden, wenn also in München ein
neuer Wiesntag beginnt, dann ist die
Laune gut. So gut, dass es sein kann,
wie es dem Rudolf Manuel ergangen
ist, dass man vor der Hühnerbraterei
von seinem feschen Madl in den Hintern
gezwickt wird. Oder dass man
von ihr sogar, einfach so, ein Busserl
bekommt. Dem Manuel ist das gerade
passiert, und deshalb hält er die Kienlein
Kristina, das fesche Madl, im Arm
und lässt sie nimmer los. „Wir gehen
heut’ zusammen auf die Wiesn“, sagen
sie, „das wird ein schöner Tag.“
Manuel trägt eine Lederhose, die
ihm sein Vater geschenkt hat, als er 18
war, und die heute, zwei Jahre später,
zum Glück noch immer passt. Kristina
hat sich extra fürs Oktoberfest ein
neues Dirndl gekauft, ein schwarzer
Rock bis zu den Knöcheln mit einer
grünen Schürze. Ihr Dekolleté glitzert
ein bisschen, was am Glitzerpuder
liegt, den es zum Dirndl dazugab. Das
gefällt dem Manuel. Und das gefällt
bestimmt all den anderen auch, die an
diesem Sonntagvormittag über die Theresienwiese schlendern, wo
es nach gebrannten Mandeln
und Bratwürsten riecht und wo die
großen, kräftigen Brauereigäule mit
den beschlagenen Hufen scharren.
Jetzt kommt auch der Bihler Sebastian
daher, der mit seinen 71 Jahren
schon 50 Wiesn erlebt hat, mindestens,
und der Hagitte Reinhard spaziert
ums Eck, der Kapellmeister vom
Augustiner-Zelt, der ein Liedchen vor
sich hin pfeift, während in der Geisterbahn
die lebendigen Geister hinter
übergroßen Spinnweben und neben
Plastikmonstern Position beziehen.
In der Kirche Sankt Paul läuten die
sechs Glocken, und schön langsam,
immerhin ist es schon halb elf, wecken
die offenen Türen der Bierzelte
den Durst. So ist das an einem ganz
normalen Wiesntag in München, und
so war das schon immer, sagt jedenfalls
der Bihler Sebastian, der es wissen
muss, weil er von seinen 71 Lebensjahren
wohl eines komplett auf
der Wiesn verbracht hat, eher mehr.
Denn wenn Wiesn-Zeit ist in München,
dann sind sie alle da. Die Einheimischen
ohnehin, aber auch die
vom Land, vom Allgäu und vom Tegernsee,
die Stars aus Hollywood und
die Schützenkönige, die Belegschaften der Firmen und die Durstigen sowieso.
Über sechs Millionen sind es
jedes Jahr, die auf dem größten Volksfest
der Welt sechs Millionen Liter Bier
trinken und ein bisschen Mineralwasser,
die 500 000 Hähnchen verdrücken
und ein paar Gemüseburger. „Das Oktoberfest
ist Kultur“, sagt der Bihler Sebastian.
„Es ist eine große Gaudi“, sagen
Manuel und Kristina. „Es ist ein Fest,
das sich die Traditionen noch immer
bewahrt hat, trotz aller Modernität“,
findet Kapellmeister Hagitte.
Erstmals fand das Oktoberfest
im Oktober 1810 statt, als
Kronprinz Ludwig und Prinzessin
Therese auf einer
Wiese vor den Stadtmauern
Münchens ein großes Pferderennen
veranstalteten. Seither hieß das Gelände
auch Theresienwiese. Ganz zur
Freude der Bevölkerung beschloss der
bayerische Königshof, dieses Pferderennen
im kommenden Jahr zur gleichen
Zeit zu wiederholen. 1818 wurde
das erste Karussell aufgestellt, und
1880 erlaubte die Stadtverwaltung den
Bierverkauf.
Seit 1950 stechen die Bürgermeister
der Stadt das erste Fass an und
brauchen dazu im Idealfall nur zwei
Schläge. Das Ritual wird im Fernsehen
übertragen, aber Sebastian Bihler
ist natürlich live dabei, weil die erste
Maß immer die beste ist. Die erste auf
der neu eröffneten Wiesn, aber auch
die erste am Tag. „Sie schmeckt mir
aber nur, wenn das Bier die optimale
Temperatur hat“, erklärt er, „und das
erkennt man daran, dass das Glas von
außen beschlägt.“ Viele Japaner und
Koreaner und Amerikaner, die sich
schon zu ihm auf seine Bierbank in
der Boxe 13 im Augustinerzelt gesetzt
haben, hätten sich darüber beklagt,
dass eine Maß, also ein ganzer Liter, zu
viel sei. Aber das stimme nicht, erklärt
er, weil man durch das große Glas zu
großen Schlucken gezwungen sei und
weil nur ein großer Schluck das ganze
Aroma im Mund zur Entfaltung
bringe. Also jenen frischen, leicht malzigen
Geschmack des Oktoberfest-Bieres,
das die Münchner Brauereien eigens
für das Fest im April und Mai mit
einer höheren Stammwürze ansetzen
als ihr normales Helles.
Kim aus der philippinischen Hauptstadt
Manila, der am Tisch nebenan
sitzt und eigens des Oktoberfestes
wegen nach München gekommen
ist, bestellt sich die
erste Maß. Vier Minuten später
kommt sie, steht nun
mächtig vor ihm, und er blinzelt
zum Bihler Sebastian hinüber,
um zu erkunden, wie
man sie trinkt.
Dabei sieht er, wie der 71-
Jährige seine rechte Hand
durch den Henkel schiebt,
das Glas anhebt, mit bekannten
und fremden Nachbarn
anstößt, die Maß einen kurzen
Augenblick nach oben
hebt, zwei Schlucke nimmt,
dann wieder absetzt und
schließlich, fast meditativ, die
winzigen Kohlensäureperlen
beobachtet, die in seinem
Bier aufsteigen. So macht es
auch Kim, wenngleich der
sich erst noch an das große
Glas gewöhnen muss. Auch
daran, wie man trotz des vielen
Schaums beim ersten Zug
ans Bier kommt, nämlich durch eine
beherzte Schräglage des Kruges.
Der Kapellmeister dirigiert unterdessen
den Bayerischen Defiliermarsch,
der 1850 von Adolf Scherzer
in Ingolstadt komponiert wurde und
der von jeher ein Wiesnhit ist, weil er
bei den Bayern und allen anderen auch
vom ersten Takt an ein Gefühl von gemütlicher
Bierseligkeit auslöst. Kim
aus Manila schunkelt dazu, denn er
kennt das Stück vom Oktoberfest in
seiner Heimat, einer Kopie aus München,
auf der es ebenfalls Bier und Leberkäse
gibt, aber auch Reis und Tee.
Die Augustiner-Festhalle auf
der Wiesn ist eines von 14
großen Zelten, das 6000
Sitzplätze bietet. Ein Bier
bekommt nur, wer einen
Sitzplatz hat und wer sein Getränk
deutlich und selbstständig bestellen
kann. Dann geht die Bestellung zum
Schankmeister, heute an den Zirch Jürgen,
der in der Schenke vier am Zapfhahn
steht. Eigentlich ist der 41-Jährige
ja Rinderzüchter am Ammersee, aber
zur Wiesn nimmt er sich frei. „Das
mache ich schon seit 15 Jahren“, sagt er,
„und ich arbeite nur im Augustiner.“
Die Augustiner-Brauerei schenkt das
Bier als Einzige auf dem Oktoberfest
noch aus alten Holzfässern aus.
„Hirschen heißen die“, erklärt Zirch,
„eines wiegt 270 Kilogramm und enthält
200 Liter.“ 50 davon zapfe er an
einem Wiesentag an, manchmal auch
mehr, und meist brauche er dafür nur
einen Schlag, höchstens einen kleinen
obendrauf, zur Sicherheit. Dann läuft
das Bier in je 1,5 Sekunden in die Krüge,
und jede Stunde wird geprüft, ob sie
auch voll sind. „Für 7,80 Euro können
die Leute erwarten, dass wir ordentlich
einschenken“, findet der Zirch Jürgen.
Selber gönnt er sich erst nach Feierabend
einen Schluck, auch, um sich mal
wieder zu bestätigen, dass das Oktoberfestbier
das beste der Welt ist.
Das finden auch der Manuel und
die Kristina. Jetzt, wenn die Bavaria-
Figur über der Theresienwiese in der
Sonne des Spätnachmittags in ihren
wärmsten Farben leuchtet und auf
dem fast hundert Jahre alten Teufelsrad
die Gäste wie eh und je erfolglos
gegen die Fliehkräfte ankämpfen,
wenn bei der Enthauptung beim
„Schichtl“ Köpfe rollen und im Flohzirkus
die Flöhe ihr tausendfaches Eigengewicht
schleppen, dann ist es Zeit
für eine Bratwurst. „Wir haben jeder
zwei Maß, jetzt muss was in den
Magen“, sagt Manuel. Ihm schmeckt
sie am besten am Stand von Eduard
Rosai, der seine Spezialitäten in kurz
und lang, in scharf und mit feinem Fenchel
anbietet, ganz wie man will.
Der Manuel und die Kristina beißen
genüsslich in die Semmel und
denken irgendwie gar nicht ans nächste
Busserl. Aber ihr Tag auf der Wiesn
ist ja noch nicht vorbei. Also lassen
sie sich weiter treiben, hinüber in die
Schützen-Festhalle oder in die Bräurosl
oder zu den Prominenten ins Hippodrom,
egal, ein Spaß wird’s überall,
weil man überall singt und schunkelt
auf der Wiesn und weil sich beim Anblick
von zwei freien Plätzen auf einer
Bierbank ohnehin auf wundersame
Weise der Durst einstellt.