Die Müllkippe kann ich riechen, bevor ich sie sehe. Ich bin nach Phnom Penh gekommen, um Scott Neeson zu begleiten: nach Steung Meanchey, einer elf Hektar großen und 30 Meter hohen Mondlandschaft aus verrottendem Müll am Rande der Hauptstadt von Kambodscha. In Gummistiefeln klettern Neeson und ich auf den Müllberg. Es stinkt nach Schwefel, verwesendem Fleisch und sich zersetzendem Kot.

Ich unterdrücke den Brechreiz, der in mir aufsteigt, als ich den beißenden Qualm aus den unzähligen brennenden Feuernestern einatme. „Achtung!“, ruft Neeson, während er auf eine weggeworfene Spritzenkanüle deutet. „Wer da hineintritt, kann sich Hepatitis oder Aids holen.“ Nicht nur die städtischen Siedlungsabfälle, auch der Krankenhausmüll, gebrauchte Injektionsnadeln, menschliche Körperteile und sogar abgetriebene Fötenlanden hier.

Der Marsch über den Müllberg gleicht einer Gratwanderung: Ein falscher Schritt, und wir könnten in einem treibsandähnlichen Höllenpfuhl aus giftigem Deponieschlamm versinken. Vom Gipfel des riesigen Müllbergs kann ich inmitten dunkler Rauchschwaden Hunderte Müllsammler erkennen: ein paar Erwachsene, doch vor allem Kinder.

Zu meinem Erstaunen sind viele von ihnen barfuß. Ihre Haut ist von der Sonne und vom Dreck geschwärzt. Ein Konvoi schwer beladener Müllwagen donnert heran, dicht gefolgt von einem Schwarm Müllsammler, die sich selbst als „Scavengers“ (übersetzt: Aasgeier) bezeichnen. Jeder will als Erster Beute machen, wenn die Lkws ihre unappetitliche Fracht abkippen.

Neeson grüßt viele Müllsammler und fragt: „Ist alles okay?“ Wurde ein Kind verletzt oder geschlagen, was häufig vorkommt, holt er ärztliche Hilfe. Etwa 50 Meter entfernt sehe ich drei Müllsammler, die mitten in der Abfallwüste unter einem Schutzdach aus Plastikplanen und Pappe liegen.

„Machen sie eine Pause?“, frage ich.

„Nein, sie leben hier.“

Kinder kommen herbeigelaufen und begrüßen Neeson ausgelassen: „Ich will lernen. Ich möchte zur Schule gehen!“ Neeson betreut über 400 Kinder in der von ihm gegründeten Stiftung Kambodschanischer Kinderfonds (CCF). Doch es gibt viel mehr Kinder, die seine Hilfe brauchen. „Es bricht mir das Herz“, sagt Neeson, während er in die Hocke geht und eine strahlende Sechsjährige auf seinen Knien schaukelt. „Ich wünschte, ich könnte allen helfen.“

Weshalb setzt sich Scott Neeson für diese wie Ratten im Müll hausenden Kinder ein? Die Geschichte liest sich wie ein Drehbuch – eine Ironie des Schicksals? Bis 2003 bezeichneten die Medien den 44-Jährigen aus der amerikanischen Filmbranche als „Mr. Hollywood“. Er besaß alle Statussymbole seiner Zunft – ein Millionengehalt als Marketingdirektor von Sony Pictures, eine Villa in Beverly Hills, eine Zwölfmeterjacht, einen Porsche 911, ein Motorrad sowie eine Geländelimousine. Er arbeitete und feierte mit Mel Gibson, Tom Cruise, Harrison Ford und anderen. Man sah ihn häufig Arm in Arm mit atemberaubenden Schönheiten.

Sein Aufstieg in der amerikanischen Filmbranche war kometenhaft. Als 16-jähriger Schulabbrecher jobbte er tagsüber als Hilfskraft in einem Vorstadt- und Freiluftkino in Adelaide, Australien, und nachts als zweiter Filmvorführer. Er schuftete hart. Anschließend machte er in Sydney Karriere im Filmvertrieb und begann in der Produktion Fuß zu fassen, bis Hollywood an seine Tür klopfte.

Trotz des Erfolgs fehlte ihm etwas. Einem engen Freund gestand er: „Es muss im Leben mehr geben als Filme zu machen.“ Seine Geschäftspartner dachten, Neeson habe einen Burnout, was in der stressigen, halsabschneiderischen Welt der Filmemacher von Los Angeles keine Seltenheit war.

2003 startete Neeson zu einer fünfwöchigen Rucksack- und Motorradtour durch Asien. Alle dachten, er müsse sich nur ein wenig entspannen.

Ursprünglich wollte er allenfalls ein paar Tage in Phnom Penh bleiben, doch die Armut, die Liebenswürdigkeit und die Anmut der Kambodschaner, die er dort erfuhr, gingen ihm unter die Haut. Er stornierte seine Rundreise und begann, die Stadt zu erkunden.

Als er auf der Straße einen bettelnden Jungen kennenlernte, bot er der Familie seine Hilfe an. Er bezahlte ihre Miete, kaufte einen Kühlschrank und zahlte das Schulgeld für die Kinder. Doch nach zwei Wochen fand er heraus, dass die Eltern alles verscherbelt und das Geld für Glücksspiel und Alkohol ausgegeben hatten.

Ein einheimischer Freund nahm ihn beiseite und sagte: „Scott, sei nicht so naiv. Sie benutzen dich nur.“ Er empfahl ihm, die berüchtigte Müllkippe von Steung Meanchey zu besuchen, wo die Ärmsten hausten. „Diese Kinder brauchen wirklich Hilfe.“

Das Bild, das sich Neeson in Steung Meanchey bot, rührte ihn zu Tränen. Hunderte Müllsammler, darunter viele obdachlose Kinder, wühlten nach wiederverwertbarem Glas, Metall und Papier – in der Hoffnung, genug Geld für die nächste Mahlzeit zu verdienen.

Einige der Kinder waren gerade mal zwei Jahre alt, von ihren Müttern verlassen, weil ihre neuen Ehemänner sich weigerten, die Kinder aus früheren Ehen durchzufüttern.

Sein Blick fiel auf einen Knirps in abgerissener Kleidung und rußgeschwärzter Haut. Er konnte nicht erkennen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Er bat den Dolmetscher, das Kind herbeizurufen. Das Mädchen hieß Rithy, sie war zwölf Jahre alt. Rithy erzählte ihm, dass sie noch nie eine Schule besucht habe. Ein anderes Mädchen, die neunjährige Nich, gesellte sich zu ihnen und hörte aufmerksam zu. Beide rochen entsetzlich. Er fragte die Mädchen, ob er ihre Mütter kennenlernen könnte. Dann gab er ihnen je zehn US-Dollar und verabredete ein Treffen für den folgenden Tag.

Als er am nächsten Tag in einem Ufercafé im Touristenviertel saß, kamen zwei Kinder zu seinem Tisch. Es waren Rithy und Nich, so sauber, dass Neeson sie kaum wiedererkannte.

Er versprach den Müttern 50 Dollar im Monat, wenn sie die Mädchen anstatt auf die Müllkippe zur Schule schickten. Sie waren einverstanden. Während er zusah, wie die Mädchen überglücklich ihr Eis lutschten – das erste in ihrem Leben –, fragte er sich: „Braucht es so wenig, um das Leben zweier Kinder glücklich zu machen?“

An Bord des Flugzeugs, das ihn zurück nach Los Angeles brachte, sah Neeson auf die Stadt hinab und dachte: „Es ist ganz einfach. Ich habe so viel. Und sie haben so wenig.“

Er beschloss, seine Geschäftsreisen so zu planen, dass er einmal pro Monat in Phnom Penh sein konnte. In nur sieben Monaten hatte Neeson ein Gebäude in der Stadt angemietet, einen kleinen Mitarbeiterstab angeheuert und zwölf obdachlose Kinder von der Mülldeponie in Steung Meanchey geholt. Er erwog sogar, seinen Wohnsitz ganz nach Phnom Penh zu verlegen, hatte sich aber noch nicht entschieden. Das sollte sich schon bald ändern.

Während eines Besuchs in der kambodschanischen Hauptstadt klingelte sein Mobiltelefon. Ein Filmstar und sein Agent, die auf Promotiontour waren, riefen von Europa aus an.

„Scott, wir haben ein Problem“, sagte der Agent.

Neeson, der morgens erfahren hatte, dass fünf Kinder in seinem Hort Typhus hatten, antwortete: „Was gibt’s?“

„Das vom Studio gecharterte Privatflugzeug hat weder die richtige Mineralwassermarke noch das von uns gewünschte Essen an Bord. Wir steigen nicht ein, bis das geregelt ist“, sagte der Agent.

Der Filmstar fügte ungeduldig hinzu: „Ich habe es nicht nötig, mir das Leben so schwer machen zu lassen. Bring das in Ordnung, Scott!“

Kurz nach diesem Vorfall entschied Neeson, seinen Job zu kündigen und Hollywood den Rücken zu kehren.

2004 gründete er den Kinderfonds CCF mit rund 100 000 US-Dollar (80 000 Euro) aus eigener Tasche. Aus Kostengründen übernachtete er auf der Couch in seinem kleinen Büro. Um sich in der Stadt fortbewegen zu können, kaufte er einen Motorroller.

Ursprünglich wollte er 45 Kinder aufnehmen, ihnen mit Unterstützung von acht Mitarbeitern ein Dach über dem Kopf, geregelte Mahlzeiten und Schulunterricht bieten. Nach zwei Jahren waren es schon 200. Inzwischen unterstützt der CCF über 400 Kinder und beschäftigt 47 Mitarbeiter.

In einem gepflegten vierstöckigen Gebäude sitzen Dutzende Kinder vor Computern, machen Englischhaus-aufgaben oder ruhen sich aus in ihren aufgeräumten Schlafsälen.

Ein Transporter hält vor der Tür. „Scott ist da!“, rufen die Kinder und rennen vergnügt die Treppe hinunter. Ein hochgewachsener, blauäugiger Mann betritt das Haus, streift seine Sandalen ab und nimmt zwei Kinder auf den Arm. Zwei weitere klettern ihm ausgelassen auf den Rücken, während er sich einen Weg durch die wachsende Schar bahnt.

Freudestrahlend fragt Scott: „Haben Sie jemals so viel Fröhlichkeit auf einem Haufen erlebt?“

Ob Scott Neeson Hollywood vermisst, bleibt sein Geheimnis. Er sagt dazu: „Über meine Zeit in Hollywood möchte ich lieber nicht sprechen. Das ist Geschichte.“

Mehrmals im Jahr kehrt er nach Los Angeles zurück, um Spenden für den Kinderfonds aufzutreiben, dessen Unterhalt jährlich 1,85 Millionen US-Dollar verschlingt. Er gesteht, dass er es nach einer Woche kaum erwarten kann, wieder nach Phnom Penh in die – nach seinen Worten – „Wirklichkeit“ zurückzukehren. Er redet nicht gern in der Öffentlichkeit und lässt lieber die Geschichten „seiner Kinder“ für sich sprechen.

Zum Beispiel die des 17-jährigen Kunthea, der seit seinem dritten Lebensjahr Waise ist und fast sein ganzes Leben auf der Müllhalde von Steung Meanchey verbracht hat. Er hat im Haupthaus des CCF Englisch gelernt und arbeitet inzwischen in Phnom Penhs schickem Metro Café als Koch. Irgendwann möchte er ein eigenes Restaurant eröffnen.

Oder Nyta, 13 Jahre, die Scott verlassen auf der Müllkippe auflas. Ein einheimischer Geldgeber übernahm die Ausbildungskosten an einer renommierten englischsprachigen Schule in Phnom Penh. Von den anderen Schülern als „Müllsammler“ verspottet, kam sie häufig in Tränen aufgelöst zum CCF. Doch sie gab nie auf. „Nach ihrem ersten Schuljahr war sie Klassenbeste“, erzählt Neeson stolz.

Manche Menschen nennen Neeson einen „Wundertäter“. Die US-amerikanische Harvard School of Public Health ehrte ihn unlängst und bezeichnete ihn in Anlehnung an John F. Kennedys Buch Zivilcourage als „einen Menschen mit Zivilcourage“. Joseph Mussomeli, der frühere US-Botschafter in Kambodscha, sagt: „Scott rettet und verändert Menschenleben.“

Nach fünfjährigem Wirken in Kambodscha glaubt Scott, seine Arbeit habe erst begonnen. „Das ist meine Lebensaufgabe; ich habe mich ganz der Rettung dieser Kinder verschrieben.“ Sollte ihm etwas zustoßen, hat er seine Nachfolge bereits geregelt, um den Fortbestand der Organisation zu sichern. Seine größte Hoffnung ist, dass einige „seiner“ Kinder zu „Machern“ heranwachsen.

Neesons neuestes Projekt ist eine zweite Schule für die Kinder, die im Elendsviertel rund um Steung Meanchey leben. Er hat die Schule eröffnet, um den Kindern auf der Warteliste der Stiftung Englischunterricht zu geben.

„Alle wünschen sich so sehr, etwas zu lernen“, sagt Neeson. Er rechnete mit 25 Kindern, als er die neue Schule eröffnete. Inzwischen sind es über 100.

Vor Kurzem fragte Neeson die sechsjährige Leng, was sie sich zum Geburtstag wünsche. „Sie war fassungslos“, erinnert sich Neeson. „Noch nie hatte sie jemand danach gefragt.“

Ein paar Tage später verkündete sie: „Ich wünsch’ mir einen Geburtstagskuchen.“

„Ich kaufte den größten Kuchen, den ich finden konnte, und ließ ihren Namen draufschreiben“, sagt Neeson. Hunderte von Müllsammlern kamen zur Geburtstagsfeier und sangen „Happy Birthday“ in gebrochenem Englisch zu Ehren von Leng, die mit weit aufgerissenen Augen zusah.

„Sie weinte, ich weinte – viele von uns ließen ihren Tränen freien Lauf“, erzählt Neeson. Später am Abend, als der Kuchen aufgegessen und alle in ihre bescheidenen Bambus- und Blechhütten zurückgekehrt waren, ging Neeson an Lengs Hütte vorbei und hörte sie leise vor sich hin singen: „Happy Birthday, liebe Leng.“

 

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1 Kommentare

Jochen Alvermann on 26 August 2010 ,12:26

Ich habe gerade Hilfe für Kambodschas Waisen gelesen. Die Not der Kinder geht uns natürlich sehr an´s Herz. Diese Kinder gibt es fast überall auf der Welt. Die Ursachen dieser Not sind vielfälltig. Das Angebot von Schulen um die Bildung zu fördern ist sicherlich gut, aber nicht genug. Was geschieht mit den Kindern, die nach dem Schulbesuch keine Arbeit finden? In Kambodscha kommt hinzu, dass die Mittelschicht und die Intelligenz von den roten Kmer ausgelöscht wurden, Für den Aufbau dieses Landes ist diese Schicht jedoch unerlässlich! Um die Wirtschaft aufzubauen, braucht es ein System von Handwerksbetrieben mit Berufsschulen, um die Facharbeiter heranzubilden. Dafür müssen ausländische Fachleute importiert werden, die ihre Kenntnisse weitergeben können. Englischkenntnisse sind gut, diese sollten parallel zur heimischen Sprache gefördert werden, um die eigene Kultur und Zivilisation zu fördern. Es gibt sehr viel zu tun weltweit! Ich abe 5 Jahre während der Arpeitheit in Südafrike gelebt. Der Hauptgrund dort ist die sehr hohe Geburtenrate. Bildung und Wirtschaft können da nicht mithalten. Obwohl Südafrika das wirtschaftlich am weitesten entwickelte afrikanische Land ist, nimmt die Armut weiter zu. Es ist verständlich dass die farbige Bevölkerung ausserhalb Ihrer Stammesgebieten, dass ganz Land besiedelt obwohl es nicht mehr Arbeit gibt. Ich kann hier nur einige Punkte anführen. Nur wenn man solche Beispiele, wie die von Scott Neeson ließt, kommen...

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