Es lebe der Fehler!

Die Luft zischte, und es roch nach Öl. Das geschäftige Treiben in der kleinen Werkzeugmaschinenfabrik im indischen Chennai erinnerte mich an den Maschinenraum eines alten Schiffes. Beim Gang durch die Fertigungshalle begleitete mich der technische Leiter. Er schwärmte von neuen Geschäftsfeldern und großen Zukunftsplänen, doch das fast mitleiderregende Keuchen einer großen Stanzmaschine übertönte unser Gespräch. Für jeden technisch mitfühlenden Menschen war die hohe Belastung der Maschine unüberhörbar. „Ja, sie ist in der Tat überfordert“, lächelte mich mein Begleiter an, „eigentlich bräuchten wir ein größeres Modell, doch das ist zu teuer. In regelmäßigen Abständen versagt sie, aber …“, er griff in eine Schublade und zeigte mir ein kleines Zahnrad, „... die brechen unter der Belastung. Wir haben sie im Nu ausgetauscht, und dann läuft die Produktion wieder.“ Was auf den ersten Blick wie technische Ignoranz wirkte, erwies sich als kluge Strategie: Das regelmäßige Austauschen der defekten Zahn-räder war erheblich günstiger als der Kauf einer größeren Ma-schine. Statt einer teuren, technisch perfekten Lösung setzte man hier auf kalkulierbare Fehler und lebte gut damit!
Ich habe noch oft an diese „indische Lektion“ gedacht: Lerne mit Fehlern zu leben, statt sie zu vermeiden!
In vielen Hightech-Branchen blockiert unser Perfektionsdrang den Fortschritt. Das Problem wird immer akuter, denn je komplexer die Systeme werden, desto größer ist die Zahl ihrer Komponenten und damit der möglichen Fehlerquellen. Weltraumfähren, Teilchenbeschleuniger, Hochgeschwindigkeitszüge oder größere Computersysteme sind mahnende Beispiele. Ständig fallen sie aus, denn irgendwo im Labyrinth der technischen Apparate zeigt immer ein Modul eine Störung an und stoppt so den gesamten Ablauf. Manchmal blockieren Kleinteile, die nur wenige Euro kosten, den Betrieb milliardenteurer Investitionen. Natürlich versucht man mit Redundanz und Sicherungssystemen zu reagieren, doch die absolute Fehlerfreiheit ist und bleibt eine Illusion.
Ein Ausweg ist der Schritt zurück zu einfachen Systemen: Die russischen Sojus-Trägerraketen wirken geradezu antiquiert im Vergleich zum amerikanischen Spaceshuttle, doch sie funktionieren zuverlässig, und das seit Jahren. In vielen Bran-chen bemerke ich einen auffälligen Trend zurück zur Einfachheit. Viele Verbraucher sind überfordert mit den unzähligen Funktionen von Festplattenrekordern, Handys oder Mikrowellenherden. Auch ohne die überzüchtete Elektronik mancher Autos läuft es manchmal besser. Weniger ist mehr!
Ausgerechnet in der fortschrittlichsten Branche, der Software-industrie, macht sich ein anderes Denken breit: Viele Softwarehäuser geben ihre Programme frei, obwohl sie von „Bugs“ nur so wimmeln. Wären unsere Autos so fehlerhaft wie die frisch gelieferte Software, wir würden sie umtauschen und noch am Kauftag unser Geld zurückverlangen.
Doch in der Computerwelt herrschen offensichtlich andere Spielregeln: Wir akzeptieren das unfertige Produkt und dulden die nachträgliche Flickerei in Form von „Updates“ und „Patches“. Die vielen Downloads sind der Beleg: Der Fehler gehört zum Programm. Die indische Lektion ist angekommen!
Ranga Yogeshwar ist Physiker und Wissenschaftsjournalist. Er moderiert TV-Sendungen wie zum Beispiel Wissen vor 8 und Die große Show der Naturwunder (ARD).
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2 Kommentare |
| Roland on 09 September 2011 ,08:25 Hallo, steht ja oben: "Mit Fehlern leben". |
| Ingo on 16 Juli 2010 ,11:49 Und ich bleibe dabei: auch ein Herr Yogeshwar macht Fehler, wie in seiner Kolumne über die Gehaltsrechnung... |
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